Australien – eine Kultur der gelebte Dankbarkeit

Und was wir davon lernen können.

Ich werde von hier garantiert eines mitnehmen. Ich werde mich zukünftig bei jedem, absolut jedem, mit dem ich zu tun habe, BEDANKEN!

Das ist hier üblich! Sei es der Straßenkehrer, die Klofrau, der Busfahrer oder die Hotelbediensteten! Hier dankt jeder jedem. Und das macht für mich total Sinn!!! Dankbarkeit auf Gegenseitigkeit.

Was wir kultiviert haben ist, dass der Dienstleister oder Produzent und damit Geldempfänger sich beim Kunden bedankt. Einseitig. Das beinhaltet jedoch die Annahme, dass bereits das Bezahlen der Ware oder Leistung Wertschätzung vermittelt. Dem ist aber, wenn man genau hinschaut, nicht so!

Ein Beispiel: ich fahre mit dem Bus zum Bahnhof. Dafür habe ich mir ein Ticket gekauft und damit die Be-Recht-igung zu fahren. Ich fühle mich im Recht, bin ich deswegen schon wertschätzend dem Menschen, der den Bus lenkt, gegenüber? Nein.

Jetzt lässt sich natürlich anführen, dass ich mit dem Kauf des Tickets auch das Gehalt des Busfahrers zahle. Stimmt – und indirekt kaufe ich damit die Leistung des Busfahrers, kaufe ihn ein um mich von A nach B zu bringen. Ist das wertschätzend? Aus meiner Sicht nicht, weil damit zwei Kontextebenen in einen Topf geworfen werden. 1. die Leistung (oder das Produkt) und 2. der Mensch selbst.

Das Produkt oder die Leistung an sich ist nur der halbe Wert! Die zweite Hälfte ist doch die Art und Weise der Weitergabe. Sprich der Verkäufer, der Dienstleister, der Ausführende eines Service im Auftrag einer Firma lässt ein Produkt oder eine Dienstleistung doch erst emotional erlebbar werden. Insofern ist der Beitrag des Erbringers ein wichtiger Bestandteil des Gesamtpaketes.

Das kennt doch jeder von uns, dass ein Restaurantbesuch mit einem engagierten und Freude am Job ausstrahlenden Kellner doppelt soviel Spaß macht und man noch Tagelang Freude an dem Essen hat in der Erinnerung. Das Gegenteil kennt auch jeder, oder?

Mit der Annahme allein, dass wir mit der Rechnung nicht nur den gedeckten Tisch und das Essen und Trinken allein, sondern auch die Zugewandtheit des Kellners erkaufen, liegen wir – so glaube ich – falsch. Wir sagen zwar, dass uns das Essen geschmeckt hat, keiner erwähnt aber unabhängig vom Produkt auch den Menschen, der uns die Gaumenfreuden zelebriert hat. Der Mensch an sich bleibt im Schatten des Essens oder meinetwegen noch der Atmosphäre oder sonstwas im Restaurant.

Ja klar, jetzt können wir natürlich „fingerpointen“ auf unsere miesepetrigen Ober oder Busfahrer oder Klofrauen … „Die sind ja alle übellaunig und unfreundlich“. „Servicewüste Deutschland“ …

Ich frage mich hier in Australien, ob wir nicht die „Wüste“ haben, die wir selbst verursacht haben?
Wenn du eine Topfpflanze nicht gießt, geht sie auch ein ,,,(Wüste). Vielleicht lässt sich unsere Servicewüste und Unfreundlichkeit im Dienstleistungssektor schlichtweg gießen? Mit einer Kultur der gelebten Dankbarkeit! Wenn wir wieder differenzieren zwischen der Leistung/dem Produkt und dem Menschen der sie überbringt!

Hier in Australien ist das gang und gäbe. Wenn du aus dem Bus aussteigst sagst du Danke zum Busfahrer. Jeder Gast bedankt sich beim Kellner (und kauft ihn nicht via Trinkgeld! Hier wird absolut kein Trinkgeld gegeben!!!! Und die Freundlichkeit der Serviceleute ist dennoch gigantisch. Daran kann’s also auch nicht liegen).

Ich werde künftig bewusst Produkt und Mensch trennen. Und ganz bewusst dem Menschen danken. Einfach nur dafür, dass er das – was auch immer – für mich tut. Z. B. Früh aufstehen, um mein Brot zu backen. Oder einen ganzen Tag Bus fahren, damit ich diese Attraktion sehen kann. Oder auch bei einem Versicherungsagenten (selbst wenn ich nichts brauche) dafür, dass er sich mit den Paragrafen und Notwendigkeiten vom Versicherungswesen beschäftigt (wozu ich null Lust habe). Oder beim Steuerberater oder oder oder. …

Mir ist dabei klar, dass ich mit einem Danke beim Busfahrer des MVV morgens um 7 Uhr möglicherweise Unverständnis ernte, im schlimmsten Fall auch den Vogel gezeigt bekomme. Aber stellt euch vor wir alle machen das, es würde zu einer Bewegung der Dankbarkeit … Ich bin ganz sicher, dass irgendwann die Wüste wieder austreibt, zu blühen beginnt und sich dann Busfahrer auf ihre Passagiere freuen! Was wäre das für eine Welt?!!!

Mir gefällt die Vorstellung und deshalb mach ich schon mal den Anfang. Machst du mit?

Schreib mir, welche Erfahrungen du damit machst und was dir so alles passiert mit diesem neuen Verhalten. Ich bin gespannt.

Meine erste Erfahrung steuere ich hier schon mal ein. Es ist schon etwa ein Jahr her, da war ich in Mainz in einem kleinen Italiener essen. Die Nudeln, die ich hatte waren die besten, die ich je gegessen hatte. Als ich bezahlt hatte bat ich darum den Koch kurz zu sprechen. Sofort erstarrten alle Gesichter in Schrecken in der Annahme es hätte mir wohl nicht geschmeckt. Der Koch war eine kleine italienische Mama, mehr rund als hoch und als ich mich bei ihr für die Gaumenfreude bedankte, die mir ihre Kochkunst beschert hatte, fiel sie mir mit Tränen in den Augen beinahe um den Hals … Für mich war’s eine kleine Geste aus ganzem Herzen, für sie war es die vielleicht längst überfällige Anerkennung und Wertschätzung ihrer Person als Schafferin wunderbaren Gaumengenüsse.

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2 Antworten

  1. Sebastian sagt:

    Ich habe die Erfahrung in Australien ebenso gemacht und gerade auch beim Busfahren. Uns ist sogar einmal passiert, dass wir einen Bus verpasst haben und der Busfahrer extra einen Umweg für uns gefahren ist. Aber das kommt wie du schon sagst von beiden Seiten, Dankbarkeit zeigen und damit auch diese Serviceleistung ermöglichen.

  2. Liebe Marion, wie wahr!! Diese Welle aktiv Bewegung zu bringen und Achtsamkeit mit Wertschätzung zu verbinden ist mehr als überfällig, in Verbindung mit dem Erkennen der Freude von täglichen Begegnungs-geschenken🤗!! Bleiben wir also weiterhin lebendig dran…!! 🍀 Und los… !! Herzlichst und danke für deine beschenkenden, schönen Reiseberichte!! Angelica