Die unendliche Gelassenheit des Seins

Reisen bildet und lässt einen sich selbst reflektieren. Das ist nicht neu. Dem aufmerksamen Reisenden fallen natürlich vor allem die Dinge auf, die anders, ungewohnt sind… und manche davon sind wertvolle Lernerfahrungen. So wie ich in Australien das Thema Dankbarkeit anders, tiefer erfahren habe (und anwende seit dem … auch hier sage ich ausdrücklich DANKE – und zwar jedem – nicht nur mit einem Trinkgeld), so nehme ich auch hier aus Kalifornien eine Lehre mit …

 

ZUVORKOMMENDE GELASSENHEIT

 

Was die Kalifornier in meinen Augen auszeichnet ist ihre Art die Dinge anzunehmen, wie sie sind und nicht dagegen anzukämpfen (wie wir das als Deutsche gerne mal tun). Beispiel Straßenverkehr: die 4-Way Stops sind hier üblich, alle Straßen an einer Kreuzung haben Stopp, fahren darf, wer als erstes die Kreuzung erreicht. Und die Fußgänger haben immer Vorrecht! Und wenn sie noch so schlendern oder noch ein paar nacheinander dahintröpfeln… mit Geduld wird vor- und vorbeigelassen… keiner regt sich auf, alle geben aufeinander acht. Und das ganz ohne Ampel oder Zebrastreifen.

Wenn Stau ist, ja mei, dann dauert’s halt ein wenig länger …. alle sitzen gelassen im Auto, keiner beißt ins Lenkrad, es wird nicht dauernd die Spur gewechselt oder reingeschnitten oder geschimpft, warum der da vorne so trödelt. Ich habe noch selten einen so dichten Stadtverkehr gesehen wie hier, der völlig ohne Hupen auskommt! Und ich würde wetten, dass die Unfallrate hier geringer ist als in good old Germany. Zuvorkommende Haltung, statt Ich-zuerst-Gehabe.

Oder im Restaurant „Wait to be seated“ – na klar, kein Thema und wenn 10 Leute vor dir stehen, dann wartest du trotzdem – an der Eisdiele genauso wie im Supermarkt oder Coffeeshop. Hier wird nicht gedrängelt oder geschimpft über die schlechte Organisation oder die langsamen Kassierer oder dass zu wenig Kassen offen sind. Hier wird gelassen gewartet und ein Schwätzchen gehalten. Und wer Zeit hat, lässt schon mal jemanden vor. Und auch die Kassierer sind allesamt herzlich und freundlich und quatschen gerne mal ein Ründchen (was die Schlange nicht kürzer macht). Doch sich die Zeit zu nehmen für sein Gegenüber ist eben wichtiger als sich zu stressen und zu hetzen. Dafür haben die Wartenden eben ihre Gelassenheit und eine gute Portion Verständnis. Das nächste Schwätzchen könnte ja ihnen gelten.

Im Bus kein freier Sitz – keine Frage! Es wird aufgestanden, und zwar auch für eindeutig arme Penner! Ein Dosensammler hat Schwierigkeiten seine 3 Riesenplastiksäcke in den Bus zu bekommen? Ein anderer Fahrgast steht auf und hilft ihm (unvorstellbar in unserem Land… da wird schon eher mal weggeschaut oder Beschwerde eingereicht, dass der Typ mit dem stinkenden Müll überhaupt Bus fahren darf).

Und das ist der Wermuts-Tropfen hier… zumindest in den Orten, in denen ich war. Es gibt unendlich viele Homeless-People! Und das ist für mich persönlich schwer zu verkraften, weil mir Armut und Leid immer auch selbst Schmerz zufügt. Klar, du kannst jedem nen Dollar geben … aber das hilft ja nichts. Umso mehr bewundere ich die Kalifornier. Sie schneiden die Homeless nicht, sie akzeptieren, dass es sie gibt. Mag sein, es sieht aus wie Gleichmut von außen, doch meine Gespräche besagen anderes… Viele helfen ehrenamtlich und freiwillig. Einer meiner Taxifahrer erzählte mir, dass er jeden Sonntag bei McDonalds Burger kauft und in seinem Viertel verteilt. Ganz selbstverständlich werden Kleider verschenkt, auch Bücher und Decken und Zelte… Wenn du im Supermarkt keine Tüte nimmst, kannst du den Betrag erstattet bekommen oder spenden – ja genau für Organisationen, die sich um Homeless People kümmern.

An dem Anstieg der Anzahl von Homeless People ist die Immobilien-Preis-Spirale schuld. Man kann sich einfach keine Wohnung hier mehr leisten bei Preisen über 50 Euro / Quadratmeter reicht es für einfache Arbeiter hinten und vorne nicht. So sind nicht wenige der Homeless zwar in Brot und Lohn aber dennoch ohne Obdach und leben in Zelten am Straßenrand!

Das zu sehen macht demütig und dankbar. Es geht uns so gut in Deutschland!!!! Wann endlich werden wir dankbar sein für das, was wir haben, statt uns zu beschweren und dem nachzutrauern, was wir noch nicht haben!

Ich habe hier nicht viel beitragen können um Not zu lindern. Das ist wahr…

Doch ich bin dankbar dafür, dass ich in Deutschland obdachlosen und in Krisen geratenen Frauen ehrenamtliche Unterstützung geben darf. Und es gäbe so viele Möglichkeiten für jeden von uns ein Quentchen beizutragen um Not in unserem Lande zu lindern jenseits von Spenden und Almosen. Ein Gutes Beispiel ist hier der Potrero Hill Community Garden. Eine Spende eines Unternehmer-Ehepaares. Hier kann jeder Gemüse anpflanzen und ernten… Oder die Geste von Coffeshops oder Restaurants, die ich oft beobachten durfte. Hier bekommen die Obdachlosen Wasser und Kaffee eingeschenkt für nichts. Und in jedem der wunderbaren Grocerys (richtig schöne Tante Emma Läden, die es hier in jedem Viertel zigfach gibt!) wird Essen nicht weggeworfen sondern gespendet.

Ganz im Sinne der 365-Kindness-Challenge habe ich in verschiedenen Bäckereien jeweils 50 Dollar gelassen, damit von diesen die Armen zu ihrem Kaffee auch ein Stück Brot oder sonst was bekommen… ein Tropfen – ich weiß. Aber aus vielen Tropfen wird irgendwann ein Fluss.

Ja – und auch hier sei wieder gesagt… das ist kein tiefes Wissen, das ich hier preigebe, nein es ist einfach MEIN Eindruck aus den kleinen Einblicken, die ich nehmen durfte hier an der Westküste. Kann sein, es ist anders woanders oder durch die Augen eines anderen.

Das könnte dich auch interessieren ...